Unterwegs -
Nein, von draußen ist Boston South Station gar nicht gleich als Bahnhof zu erkennen. Mitten im Häusermeer der amerikanischen Großstadt am Charles River säumt ein klasizistisches anmutendes, pompöses Gebäude eine Straßenecke. Ich bin einmal, zweimal quer durch die große Halle gegangen, fast wie bei uns mit Geschäften und Cafés gespickt: Zeitungen, Bücher, Coffeshop – und ich kann Schuhe putzen, Gepäck reparieren lassen.
Draußen braust Verkehr, viel davon ist mit einem gigantischen, nicht ganz skandalfreien Tunnelbauprogramm („the big dig“) unter die Erde verbannt worden. Aber Autos gibt es immer noch. Es ist gut, mal Zeit zu haben, ich orientiere mich grob in Richtung China Town, laufe durch die Straßen. Der Charme des Viertels ist kühl: Bürohochhäuser und Geschäfte. Leute, die vorbeieilen, alle beschäftigt. Drei, vier Straßen weiter steuere ich eine der amerikanischen Coffeshopketten an: „Love what you do“ haben sie sich als Überschrift gegeben. Vor Jahren fanden meine ersten Versuche, mich Amerikanern ohne fremde Hilfe verständlich zu machen, in so einem Shop statt, jetzt geht es, wenigstens, schon ein wenig flüssiger mit dem Reden. Ich lasse mich in einem großen, roten Sessel nieder, um das Leben draußen an mir vorbeiziehen zu lassen. „Careful, the beverage you’re about to enjoy is extremely hot“, warnt mich ein Aufdruck auf der Pappschlaufe, die über den Kaffeebecher geschoben ist. Draußen hält ein blankgewienerter, roter Ford; die hinteren Türscheiben sind mit der amerikanischen Fahne verziert, den Beifahrersitz hat sich ein Hund erobert, der – so sieht es wenigstens aus – angeregt mit dem Herrchen ins Gespräch vertieft ist. Drinnen tagen Manager, treffen sich junge Leute – das Publikum an den Nachbartischen wechselt schnell.
Vielleicht ist das die neue Zeit? In der fremden Großstadt finde ich das Bekannte in der weltumspannenden Kaffeehauskette wieder? Noch einen draufgesetzt: Wer nicht mehr mit seinem Gegenüber spricht, putzt sein Auto bis es blitzt und sucht das Gespräch mit seinem Hund?

Dieser Zug gehört zu den älteren PCC-Cars, die bei meinem letzten Besuch in Boston im Herbst 2006 noch immer eine unglaubliche Menge Verkehrs bewältigten. Foto: fbt
Amerikaner würden sich solche Ketzereien gewiss nicht gefallen lassen. „Nice to meet you“ – so geht das geflügelte Wort schlechthin, und, immer wieder sind hier Begegnungen möglich, die einen in Überraschung, ja Erstaunen versetzen. Eine Grande Dame auf einer netten Nachbarschaftsparty stellt sich als ehemalige amerikanische Soldatin heraus, die die Besatzungszeit in Berlin in lebendigster Erinnerung hat – ihre Hochzeit dort inbegriffen. Oder: Eine Verkäuferin aus dem Supermarkt, die den europäischen Akzent meines Gastgebers näher zu ergründen sucht, entpuppt sich als Tschechin, die seit einem Jahrzehnt in den Staaten lebt.
Auf dem Sessel mir gegenüber, rot und bequem wie der meine, hat niemand Platz genommen. „Don’t think twice, be allright“, hat einer gesungen, „Road work ahead“ warnt das Schild, und die Stadt rauscht vorbei. Frank Berno Timm
Boston-Links
Bostons NPR-Station, das Bostoner Verkehrsunternehmen MBTA , Kaffee gibt es bei Starbucks , und die Zeiten ohne Boston kann man hier überbrücken.
Hier gibt es noch mehr Bilder.