Billstedter Notizen

Wortklauberei

Wer Kindern beim Großwerden zuschauen durfte, weiß, dass diese wundersamen Wesen zunächst beharrlich schweigen, dann, je nach Laune, lange Arien nonverbalen Plapperns aufführen, inzwischen längst jedes Wort der Eltern verstehen und schließlich, irgendwann, ins Stadium der Einwort-Sätze eintreten: „Paybackkarte?“ Stimmt, das ist was anderes, auch weniger poetisch als der Aufschrei des kleinen Filius am sonntäglichen Kaffeetisch, mit dem das Erscheinen eines gefiederten Zweibeiners am Küchenfenster bejubelt wurde: „Kassenbon?“ Äh: Einkaufstäglich werden mir an der Kasse meines Lebensmittelhökers solche Sätze um die Ohren gehauen, nachdem ich mich gerade von dem enervierenden, grottenschlechten „Rundfunk“ des Betreibers erholt habe; der, in einem wirklich…

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Kommt nur alle rein!

Ja, die Tür steht offen! Für Dich, für sie, für ihn, Zwei- und Vierbeiner, alle! Wieso haben wir überhaupt eine Haustür? Braucht doch keiner! Sowieso nicht! Völlig überflüssig! Steht den armen Bauarbeitern, die im Hochhaus bosseln, nur im Weg! Könnte ja Mühe machen, oder was?!


Sommersonntag im April

Manchmal überlege ich, wie meine „langen Anläufe“ entstehen: Bis ich mich auf das nächste Thema einlasse, können gefühlte Stunden vergehen. Heute noch was schreiben? Ich schmeiße Pläne um, fasse sie neu, fange von vorn an. Der Kopf muss ausgelüftet sein, es ist viel zu warm, morgen ist auch noch ein Tag, Sonntagsarbeit hat keinen Segen.



Billstedter Notizen: Toleranz ist Arbeit

Der Mann steht mit breiten Beinen und Gitarre vor dem Bauch, ein Akkord erklingt, viel mehr Musik kommt nicht mehr. Seine Haare sind lang, der Anorak speckig, seine musikalischen Fähigkeiten begrenzt. Ab und zu taucht er hier auf dem Billstedter Bahnhof auf und versucht wohl, ein paar Cent zu verdienen. Heute schreit er: Was er sagt, ist eher schlüpfriger Natur, von „Nutten“ und „Ficken“ ist die Rede. Soll man ihn gewähren lassen? Gehört er zum Grundgeräusch der Großstadt? Beim Bäcker sitzt eine Frau und raucht ungerührt ihr Zigarillo, die Leute steigen aus ihren Bussen aus und eilen weiter zur U-Bahn,…


Billstedter Notizen: Nachbarschaft in der Großstadt

Draußen vor dem Haus spricht mich ein Nachbar an: Ob ich wisse, was mit B. sei. Nein, antworte ich. Er öffne nicht, wenn man klingele, das sei ungewöhnlich, Nachbar P. hat den Notruf gewählt, ob das richtig sei. Auf jeden Fall, sage ich: Und schon kommt eine Streife und ein Transporter der Feuerwehr. Der Hausmeister hat keinen Schlüssel, also öffnet die Feuerwehr die Wohnungstür, was ein paar Augenblicke dauert. Dann gehen sie hinein, banges Warten. Schließlich ruft eine Polizistin von oben herunter, B. atme noch. Erleichterung, er lebt, nun kann ihm geholfen werden, ein paar Augenblicke später eilt ein Rettungswagen…