Musik als Medium der Gemeinsamkeit

Ein Abend über Esther Bejerano wird zu einer ökumenischen und zugleich utopischen Veranstaltung

Die Vermutung, dass es viele Lesungen gibt, passt am vorigen Freitagabend nicht. Joram Bejeranos Besuch im Kinder- und Familienzentrum (KIFAZ) Dringsheide ist, irgendwie, vorweg genommene Utopie: Die Veranstalter und im Publikum sind Christen und Muslime, Joram Bejerano Jude.

Von Frank Berno Timm

Das KIFAZ gehört zum Rauhen Haus, Veranstalter dieses Abends (es war am vorigen Freitag) ist die Stadtteilgenossenschaft Horn. Auch das das Begegnungs- und Informationszentrum interkultureller Muslime (BIZIM) ist dabei. Wer ist Joram Bejerano? Der Musiker ist ein Sohn von Esther Bejerano (15.12.24 – 10.7.21), Zeitzeugin des Holocaust und selbst Musikerin. Ibrahim Aslan, der den Brandanschlag auf das Haus seiner Familie 1992 in Mölln überlebt hat, moderiert . Und sie ist Thema: Bejerano, ein eher zurückhaltender Mann, liest einen Text seiner Partnerin Bettina Saefkow, der die Lebensgeschichte seiner Mutter Esther Bejerano nachzeichnet. Und der Bogen dieser – übrigens sehr gut besuchten – zwei Stunden spannt sich bis weit in die Gegenwart hinein.

„Meine Heimat ist die Musik“. Esther Bejerano singt, seitdem sie denken kann, zunächst vom Vater (er ist Lehrer, Musiker und jüdischer Kantor) motiviert. Es gibt Hauskonzerte mit klassischer Musik und jüdischer Folklore, die junge Esther „lernt Musik als Medium der Gemeinsamkeit kennen.“ Sie singt Schubert, Haydn und Mozart, geht auf eine jüdische, musische Schule. Bis dann die „Rassengesetze in den kleinsten Ritzen des Alltags“ angekommen sind.

Esther muss zur Zwangsarbeit nach Neuendorf bei Berlin, wo sie viel später, als betagte 96-jährige Musikerin, ihr letztes Konzert geben wird. Im April 1943 wird sie nach Berlin in eine Sammelstelle gebracht und kommt dann nach Auschwitz: Sie landet im Häftlingsorchester. Das spielt auf der Rampe, bei der Arbeit der Gefangenen, „sie leidet stumm“. Sie kann als „arische Jüdin“ ins Frauen-KZ nach Ravensbrück, leistet Zwangsarbeit, wird Vorarbeiterin, macht Sabotage. Esther ist 20 Jahre alt, als der Krieg vorbei ist, sie flieht mit Freundinnen von einem der letzten Todesmärsche und wird befreit. Mit ihrem Akkordeon „spielt sie sich den Schrecken von der Seele“. Ende 1945 geht Esther Bejerano nach Palästina. Sie will Sängerin werden, nimmt Unterricht, macht zwei Jahre lang jeden Job. Und kehrt nach Deutschland zurück.

Bis Esther selbst wieder als Musikerin auftritt, dauert es. Ende der siebziger Jahre rütteln sie Aktivitäten von Neonazis direkt vor ihrem Fenster wach. Sie tritt dem VVN bei und wird Zeitzeugin, fängt wieder an,Musik zu machen und auf die Bühne zu gehen, tut sich mit ihrer Tochter zusammen, der Sohn stößt dazu. Die Kölner Rapgruppe „Microphone Mafia“ nimmt Kontakt auf, in 13 Jahren finden über 900, gemeinsame Konzerte statt.

Was für eine Geschichte. Das ausführliche Gespräch im Anschluss führt schnell in die Gegenwart. „Wo erleben wir antisemitische Handlungsweisen?“ fragt eine Frau, die mit ihrem Kopftuch als Muslima erkennbar ist. Joram Bejerano sagt Erstaunliches, erzählt von einem Mann mit Kippa, der an einer Berliner Universität angegriffen wurde. Was solle daran antisemitisch sein, den Gazakrieg zu verurteilen, fragt er. Der einstige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) besuchte Israel und traf sich als erstes mit Palästinensern, sein Nachfolger Heiko Mass entsschulidgt sich dort dafür. „Was will Deutschland? Israel beschützen?“ Wenn die Hamas von den eignen Leuten vertrieben werde, „sehe ich Hoffnung“. „Wir haben eine gemeinsame Geschichte“, sagt eine Frau im Publikum, es müsste selbstverständlich sein, miteinander zu sprechen, aber es gebe so viel Spaltung. – Menschen unterschiedlichster Herkunft reden hier in entwaffnender Offenheit miteinander. Gäbe es das öfter, wären wir weiter.

Joram Bejerano las einen Text über seine Mutter Esther.

Die Runde diskutierte mit entwaffnender Offenheit.

Zusätzlicher Lesetipp: Es gibt ein – im besten Sinn ergreifendes Buch mit einem ähnlichem Thema: die weltbekannte Cembalistin Zuzana Růžičková berichtet in ihrer Autobiografie „Lebensfuge“ (Propyläen) von einem ähnlichen Schicksal.