Von der Geschichte lernen?

Als ich jung war, bin ich zweimal zur Friedensdemo nach Bonn gefahren. Damals ging es um den NATO-Doppelbeschluss: Der Westen stationiert Mittelstreckenraketen in Deutschland, wenn der Warschauer Pakt nicht verhandelt. Wir lernten, was ziviler Ungehorsam ist. Wir versuchten, das Grundstück einer Münchner Gemeinde zur atomwaffenfreien Zone zu erklären. Es gab die „Gewissensprüfung“ für Wehrdienstverweigerer. Politiker schimpften über den Wehrkundeunterricht in der DDR; manch einer beklagte die Militarisierung der Gesellschaft. Ich erinnere mich an einen Satz, den Bischof Udo Hempel auf dem offiziellen Staatsakt zum 500. Geburtstag Martin Luthers sagte: Wir hätten die Erfahrung gemacht, dass Raketen nur weitere Raketen gebären – „weiter nichts“.

Und heute? Wiederaufrüstung der Bundeswehr. Die Bundesrepublik wird Anteilseigner einer Rüstungsfirma. Freiwillige Wehrpflicht. Extra Schulden für neue Ausrüstung. Und jetzt: 10 Milliarden Euro für Zivilschutz: neue Ausrüstung, entsprechender Unterricht an den Schulen.

Was für ein Schutz? Je nach „Waffentyp“ und -einsatz kann die „Vorwarnzeit“ bei einem nuklearen Angriff auf sechs Minuten schrumpfen.Wer sollte Deutschland angreifen und warum? Längst wird die Welt wieder in Gute und Böse eingeteilt. Deutschland gehört, natürlich, zu den Guten. Internationales Recht? Nutzloser Ballast. Angriffe gegen Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser? Das sind doch Kommandozentralen der Terroristen.

Wann Krieg beginnt, das kann man wissen. Aber wann beginnt der Vorkrieg? Christa Wolf wirft in ihrer Kassandra-Erzählung diese Frage auf. Krieg hat noch nie Problem…